Reiterhof an der Ostsee
Heute ist das Kind zwanzig und nimmt mich gern mit, wenn es sich mein Auto borgt, um zum Reiterhof zu fahren. Gelegentlich durfte ich dort schon eine Nase kraulen oder einen Bauch striegeln. Mit glänzenden Augen setzte ich mich fern der Heimat auf einen müden Touristengaul in Tunesien, ritt um einen der Felsen in Monument Valley, Arizona, und durch einen Manuka-Wald in Neuseeland. Somit verfüge ich bereits über weltweite Erfahrungen im Sattel. Ich kann aber nur stillsitzen, dem Vorreiter folgen und machen, was das Pferd will. Das soll sich jetzt ändern.

Fünf Tage dauert der Anfängerkurs in einer Reiterpension zwischen Wald und Wiesen in Scharbeutz-Klingberg, Region Holsteinische Schweiz, ostseenah, ländlich, gemütlich, persönlich bei Familie Marlie. Die Philosophie des Hauses verspricht keine Wunder, höchstens ein bisschen Zauberei: Harmonie mit dem Pferd von Anfang an. Eine Reitkunst, wie sie auf englisch "horsemanship" heißt und auf romantisch Pferdeflüstern. Wichtigste Startregel: Niemandem etwas beweisen wollen. Schon gar nicht sich selbst. Der Verständigungsprozess beginnt am Paddock, dem umzäunten Auslauf. Frau Reger, unsere Reitlehrerin, geht mit uns Pferdegucken. Die Tiere sind total entspannt wir können ihre Körpersprache studieren: den souveränen Gaston, die sensible Kaimah, die stolze Grace ... Von welchem Pferd sie auch spricht - jeder trabt aufs Stichwort herbei, als ob es aufmerksam gehört hätte!

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